Der Wald von Morgen

Wie sieht eigentlich der Wald von Morgen aus? Das ist eine Frage, mit der ich mich schon länger beschäftige. Und je mehr ich mich damit auseinandergesetzt haben, desto klare wurde: Es gibt keine eindeutige Antwort. Oder besser, niemand konnte mir darauf eine Antwort geben. Langzeitstudien fehlen und das Ökosystem „Wald“ ist zu wenig erforscht.
Susi und ich waren auch im Winter auf der  WALD & WIR-Projektfläche.
Wir wollten nach den Pflanzungen sehen und waren neugierig auf die Veränderungen in der Landschaft. Tatsächlich waren wir gefühlt an einem ganz anderen Ort. Die Landschaft war tief verschneit. Uns umgab eine unglaublich beruhigende Atmosphäre und vollkommen friedliche Stimmung. An diesem Tag spürten wir förmlich, dass der Wald für uns kein Wirtschaftsfaktor, sondern ein Wohlfühlfaktor bedeutet. Der Wald tut dem Menschen gut, in jeder Hinsicht. Aufgrund des vielen Schnees, waren wir fast einen halben Tag unterwegs, um das Grundstück abzulaufen und alle Pflanzungen zu kontrollieren.

Während unseres langen Spazierganges haben wir auch nochmal über das Thema „Wald der Zukunft“ gesprochen. Unsere Gedanken möchte ich sehr gerne mit euch teilen. Denn, wie sieht er nun aus, der Wald von Morgen aus? Habt ihr eine Idee?

Text/Bild: Daniel Snaider

 


Bunt und unterschiedlich

Ich denke, es ist ein gemischter Wald, vorwiegen aus Laubäumen mit unterschiedlichen Baumarten. Vielfalt ist der Garant, dass das Leben auch weitergeht, wenn eine Art durch Krankheit oder Umwelteinflüsse hart getroffen wird. Vielfalt stärkt die Abwehr. Das gilt ja in der Natur generell. Sollte also eine Baumart gesundheitliche Probleme bekommen oder von Schädlingen attakiert werden, fällt nicht gleich der ganze Wald aus. Andere Bäume können ohne Probleme dessen Platz einnehmen.  Also bunt ist gut und Vielfalt überlebt – wäre auch ein politisches Statement!

Alt und Jung

Es ist wie beim Menschen. Alt und Jung helfen sich gegenseitig und ergänzen sich durch ihre Stärken. Der Wald mit Bäumen verschiedenen Alters und Höhe ist stabiler gegen Stürme. Zudem herrscht ein vielfältiges Mikroklima, verschieden Lebewesen finden Wohnraum und Nahrung. Grundsätzlich vermeiden bodennahe Bäume, also die Jungbäume auch die Austrocknung des Waldbodens bei Dürre. Und je mehr Holz im Wald vorhanden, desto mehr klimaschädliches Kohlendioxid wird gespeichert. Auch deshalb ist es wichtig, dass Bäume alt werden dürfen. Und, es gibt die These, dass junge Bäume von den Alten lernen können. Ob das stimmt, kann ich nicht sagen. Aber es kann auch keiner sagen, dass es nicht so ist. Ich finde den Gedanken gar nicht abwegig und ziemlich schön.

Boden ist Leben

Habt ihr das auch schonmal miterlebt? Mich erschreckt die gnadenlose Effizienz der Maschinen, mit denen Waldwirtschaft betrieben wird. Auch wenn man der Meinung ist, der Baum spürt nichts. Mir tut es weh, wenn ich sehe, wie ein Harvester einen alten Baum in einem Arbeitsschritt fällt, entastet, entrindet und stapelt. Das mag esoterisch oder gefühlsduselig klingen, ich weiß. Sollte es nötig sein, in den Wald einzugreifen, dann möchten wir das so (Boden-)schonend und achtsam tun, wie möglich. Es fühlt sich besser an.

Kahlschläge sind eine Katastrophe

Einige Bereiche der WALD & WIR-Fläche sind von früher her noch vollkommen kahlgerodet. Eigentlich eine Katastrophe. Man sieht genau, wie der Wald versucht in Teilbereichen unter großer Anstrengung die Lücken zu schließen. Dort entsteht Primärwald aus angeflogenen Holunder und Birken. An vielen Stellen hat der Wald aber zu kämpfen, denn auf den kahlen Flächen herrscht ein steppenähnliches Kleinklima. Das macht es dem Wald extrem schwer zurückzukommen. Hier müssen wir sozusagen als Geburtshelfer ein wenig mit anpacken und durch Pflanzungen die neue Waldgeneration fördern und das System anschieben. Hinzu kommt, dass auf diesen Flächen kein Totholz vorhanden ist. Belässt man abgestorbene Bäume im System, können diese durch Beschattung, Windberuhigung und Wasserspeicherung die Startbedingungen für den neuen Wald verbessern. Womit wir gleich schon bei der nächsten These wären!


Tot ist nicht gleich tot.

Totholz ist Leben. Während die Zersetzung nach und nach weiter fortschreitet, dient das Totholz einer großen Zahl von Tieren und Pflanzen als ideales Nist-, Entwicklungs-, Nahrungs- oder Überwinterungshabitat. Außerdem bietet es Schutz vor Fressfeinden. Ohne Totholz sind Fledermäuse, Käuze, Siebenschläfer und Co. wohnungslos. Totholz und seine Lebensgemeinschaften sind gute Indikatoren für die Artenvielfalt und die Naturnähe des Ökosystems Wald. Zudem stabilisiert totes Holz den Waldboden, spendet Schatten, speichert Feuchtigkeit und schütz junge Bäume. Totholz ist Leben. Deshalb „räumen“ wir den Wald nicht auf und lassen umgefallene Bäume liegen. Das Ökosystem Wald funktioniert nur wenn jedes Stadium eines Baumlebens vorhanden ist.

Welcher Baum ist der Baum der Zukunft?

Aber welcher Baum ist der Baum der Zukunft? Welche Baumart kann den Klimawandel entgegentreten. Die Forstwirtschaft hat viele schlaue Infografiken und Klimahüllen darüber, welche Baumart, welches Klima verträgt und wo sie am besten wächst. Da findet man tatsächlich sehr exotische Exemplare und viele fremde Baumarten. Keiner weiß aber, ob fremde Baumarten das Ökosystem nicht mehr schaden als helfen. Natur regeneriert und passt sich selbstständig an, da zeigt sie seit Jahrtausenden. Und dann habe ich mich gefragt, welche Bäume hier wachsen würden, wenn wir gar nicht eingreifen würden: Vermutlich die, die sich selber entschieden haben dort zu wachsen. Auf der Projektfläche „WALD & WIR“ sind mir viele natürlich gewachsene Jungpflanzen aufgefallen, vornehmlich Buchen, Ahorn und tatsächlich auch ein paar Fichten. Also, wenn wir die Theorie weiterverfolgen, dass Junge von Alten lernen und dass ein Mischwald, die stabilste Waldart ist, dann können wir das mit folgendem Gedanken ergänzen: Der Baum der Zukunft ist der Baum, der dort auf natürliche Weise vorkommt .  Motivation, Einsatz und Zähigkeit hat ein kleiner Baumling schon bewiesen. Die besten Voraussetzung für ein langes, entbehrungsreiches Leben. Und somit kommen wir zu meiner nächsten Theorie.

 

Dort geborgen, ist besser als hingepflanzt.

Pflanzen, die natürlich vor Ort wachsen, haben mehr Chancen als gekaufte Jungpflanzungen. Der natürliche Baumnachwuchs hat ein viel stabileres und ausgeprägteres Wurzelwerk, kennt die Schwächen und Stärken seines Geburtsortes, wächst damit auf und kann viel besser damit umgehen.  Zudem kann es sein, dass er Hilfe und Tipps von den Erwachsenen um ihn herum erhält. Und wir vermeiden das Risiko, das fremde Baumarten ein natürliches Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen könnten. Wann immer es geht, ziehen wir es deshalb vor, den natürlichen Baumnachwuchs zu pflegen und zu schützen, statt zahllose Setzlinge zu pflanzen. Wenn wir pflanzen, dann heimische Baumarten, die in der direkten Umgebung vorkommen: Buchen, Eichen, Ahorn, Tannen.

Wie sieht er nun also aus, der Wald von morgen? Wir würden sagen: Naturnah, ursprünglich, heimisch, alt und bunt! Ob meine Theorie und meine Gedanken am Ende stimmen, weiß ich nicht. Sie können falsch sein. Sie können aber auch vollkommen richtig sein. Gedanken sind besser, als „gedankenlos“.
Ich halte euch weiter auf dem Laufenden und freue mich über eure Gedanken, Ideen und einen Austausch.

Euer Daniel

Endspurt zum Crowdfunding „WALD & WIR“-Projekt
Erzählt es weiter, wir haben noch knapp zwei Wochen. Mit Eurer Hilfe, schaffen wir das!
https://www.startnext.com/waldundwir

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